Holger Richter

Güllenbuch. Eine Bausoldaten-Geschichte.

Anderbeck Verlag 2004

152 S., € 9,80

ISBN 3-937751-04-01

GÜLLENBUCH. EINE BAUSOLDATENGESCHICHTE

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Holger Richter wurde das zweifelhafte Glück zuteil, dem letzten „Durchgang Bausoldaten“ vor dem Ende der DDR anzugehören. Bausoldaten oder „Spatensoldaten“ waren die einzige Möglichkeit in der DDR, den Dienst mit der Waffe zu verweigern. Als er 18jährig im November 1988 eingezogen wurde, fand er die DDR-Einrichtung des Wehrersatzdienstes noch im Vollbesitz ihrer Kräfte vor. Ein Jahr darauf erlebte er sie in der Auflösung.

Er erzählt in seinem Güllenbuch eigenes authentisches Erleben aus den letzten Tagen der DDR-Armee. Aber er legt alles andere als einen trockenen Text vor. Was das Buch vor allem lesenswert macht, ist die gleichermaßen bittere wie köstliche Ironie, mit der der Autor Druck und Drill, Ritual und Sprache des Militärs buchstäblich auf die Schippe nimmt.

Sein Tagebuch überlebt die vielen verdeckten und offenen Durchsuchungen in der Kaserne. Das Güllenbuch kündet von den alltäglichen Erniedrigungen, denen die Spatensoldaten in besonderer Weise ausgesetzt waren im "faulen Staat im faulen Staat DDR". Im Walzertakt tanzt die Bausoldaten-Kompanie dem befohlenen Gleichschritt aus der Reihe. Verweigerungen der Zwangsarbeit werden vom Wettbewerb um die "Goldene Schnecke" abgelöst.

Richter stellt die Zwiespältigkeiten der Bausoldaten untereinander dar: Intellektuelle gegen Anpasser und "handfeste Nazis". Im zentralen Kapitel reflektiert Richter den eigenen bis ans Existenzielle gehenden individuellen Widerstand,

 der Flucht in eine reaktive Psychose, mit "Lügen gegen ein Lügensystem". Es ist der psychische Drill, die Gewissensnot, Dinge tun zu müssen, deren Widersinnigkeit in jedem Augenblick spürbar ist. Kunst weist hin und wieder den Ausweg. Sie gründen eine Band und vertonen Texte, deren Hintersinn der kontrollierende Politoffizier nicht ganz versteht.

Sie formulieren einen Offenen Brief zur Einrichtung eines Friedensdienstes in der DDR, der an staatliche und kirchliche Stellen sowie oppositionelle Gruppen verschickt wird. Später findet sich dieser Brief in der Stasi-Akte des Rechtsanwaltes Wolfgang Schnur wieder. Als Durchsuchungen, sogenannte "Tiefenkontrollen" folgen, schallen unerhörte Rufe durch die Saßnitzer Kaserne: "Stasi raus". Einige Monate später wird  man diesen Ruf durch die Straßen hallen hören.

Nicht zuletzt: Holger Richter hat das „Güllenbuch“ den Bausoldaten gewidmet. Es ist von ihrer Solidarität die Rede und ihrem kleinen Widerstand gegen die genauso mächtige wie banale Militärmaschine.

 

 

 

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Leseprobe:

Heute Abend exerzieren wir. Ohne Gnade.

Es ist der siebzehnte Tag. Doch wahrscheinlich ist an diesem Abend dem Schwandrau seine Frau lieber, er schickt das arme Schwein und den brutalen Kerl und Unteroffizier Koch zu den Bausoldaten. Abends, halb acht, im November ist es schon dunkel, soll der mit dem zweiten Zug marschieren, das sind dreißig Bausoldaten und es steht also dreißig zu eins, von denen, die doch ein wenig zu aufsässig sind. Die anderen haben Freizeit, zur Belohnung wie es scheint.

Und da F. in der Musik ungerade Takte liebt und sich mit dem stampfenden Viervierteltakt des militärischen Gleichschritts nicht anfreunden will, führt er an diesem denkwürdigen Abend den Dreivierteltakt im Gleichschritt ein: LINKS-zwo-drei-VIER-links-zwo-DREI-vier-links-ZWO-drei-vier. Und so weiter. Jedes dritte Viertel wird gestampft, etwas unmerklich stärker aufgetreten, unisono, daß kein einzelner der Schuldige ist. Als musikalische Freunde kapieren die dreißig sofort F.‘s Spiel, während Koch verständnislos guckt, sogar erst einmal schweigt, bevor er die dreißig mit gewaltig tönender Stimme ins Vierviertel-preußische Gleichmaß zurückbringen will: LINKS-zwo-drei-vier. LINKS-zwo-drei-VIER-links-zwo-DREI, womit wir ihn wieder hätten, den wienerischen Gleichschritt. Koch brüllt lauter, betont LINKS, DREI und wieder ZWO, womit er unfreiwillig Fünfvierteltakt einführt.

VORNE HALT. Rasend jetzt der Koch. Auf der Stel-le marsch! LINKS-zwo-drei-vier-LINKS-drei-HALT! Vorne halt! Ick saje Ihnen, wenn det nich augenblicklich...

Muuuhhh, ertönt es aus der Mitte des Dreißig-Männer-Karrees.

 

Muuh. Wer war das, Koch schreit. ...war das, echot Mister Unbekannt im selben Tonfall der quäkenden Stimme. Das ist Lehmann, wie sie alle wissen, der aggressive Imitator, der, wie sie alle ahnen, als Sprecher fungieren wird, immer und überall, wirklich, er hat einen Situationswitz, der wird helfen. Und keine Ehrfurcht vorm System.

Doch Koch scheint zu platzen: Ick will jetz und sofort wissen, wer det war. Aber dalli. Ick hab Zeit.

Wir auch, tönt die Stimme aus dem Hintergrund, noch fünfhundert-fünfundzwanzig Tage. Wer war det?

Ich, sagt Lehmann und tritt vor.

Ick bestrafe hiermit den Bausoldaten Lehmann wegen Nichteinhaltung der militärischen Disziplin und Ordnung zu zwei Arbeitsverrichtungen außer der Reihe, Eintreten!

Ich war es auch, sagt Rudolph, der schöne Bausoldat mit der starken Brille, der Tischler und Ökofreak, ich war es auch, ich möchte auch bestraft werden und tritt ebenfalls vor. Koch ist sprachlos. Ich auch, sagt Chajim und tritt vor. Ich auch, sagt Langer.

Ruhe! Achtung! Stillgestanden! Im Gleichschritt – Marsch! LINKS-zwo-drei-vier. LINKS-zwo-drei-vier. Die Antwort der sechzig Bausoldatenfüße aber heißt: LINKS-zwo-drei-VIER-links-zwo-DREI-vier-links...

An der schönen blauen Ostsee, sagt Knopsmeier, der Cellist mit dem edlen Gesicht.

Koch gibt auf und gibt Freizeit.

 

 

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