Holger Richter

 

Love Rules

 

 

 

 

Der herrliche Herbsttag passte nicht zu den Fragen, die Dr. Klaus Müller an diesem Tag beantworten musste. Es herrschte die Sonne, nur die Reste überfahrener Tiere an den Straßenrändern sah man nicht, obwohl man den Argwohn zu schöner Landschaften und versöhnlerischen Wetters kennen sollte.

Es waren die Tage nachdem in New York die Türme eingestürzt waren und Dr. Klaus Müller einen Argwohn gegen die Stadt zu hegen begann. Häuser waren es, die auf einen stürzen konnten, besonders die hohen. Postfilialen mit vielen Menschen und diese unsägliche Erfindung der malls, mit ihrem Klima, in denen es zu heiß oder zu kalt war, die er von da an nicht mehr betreten wollte.

Er wollte in den Gesichtern der Passanten das Erdbeben lesen und war erstaunt über die leere Geschäftigkeit scheinbarer Maschinenwesen. Mit einem Vorkriegsgefühl bestieg man die S-Bahn und mied den Supermarkt. Er hörte das Brodeln der Stadt jederzeit abebben und fürchtete sich vor der Stille in der Metropole. Wenn es plötzlich still würde, lebten wir nur noch Sekunden.

Am Passendsten wäre gewesen, wenn das Wetter mit einem Mal umgeschlagen wäre, Eis oder Stürme die Menschen hätten zusammenrücken lassen und der Gedanke an Auslandsflüge oder besonders vorsichtiges Verhalten gegenüber Ausländern nicht nötig gewesen wären.

Er traute der vor der Stadt fliehenden Landschaft nicht mehr, dem Schweigen der Wiesen, der natürlichen Abfolge von Regen und Sonnenschein und den mäßigen Winden in unseren Breiten. Dem mariablauen Himmel nahm er die Unschuld nicht ab, weil aus ihm Flugzeuge gekommen waren, die auch ihm Angst gemacht hatten.

Es war als müsste Dr. Klaus Müller für die ganzen Unstimmigkeiten der aus den Fugen geratenen Welt mit ihren Gottesurteilen durch Bomben, dem Fanatismus der überbevölkerten und zu armen Welt und die Armut des Reichtums geradestehen und erklären, was in den Menschen vorging.

Er wusste es nicht. Die Presse fragte den Politikwissenschaftler. Nur weil er da unten im Krisengebiet gelebt hatte, meinte man, er wisse etwas von der Ehre von Stammesfürsten, von der Verachtung den Frauen gegenüber und den Jungfrauen im Paradies und von der Lust, sich selbst zu vernichten.

Als Klaus Müller sich von seinem Büro auf den Heimweg durch die Stadt begeben wollte, durch ihre Fünzigerjahre-Einkaufszone mit den Ladenketten, die es jetzt weltweit gab und den Musikanten und den Dealern in den schlechten Lederjacken und er daran dachte wie es wäre, wenn man sich selbst in die Luft sprengte, wie sie es am gestrigen Abend wieder getan hatten, und er dennoch die Ahnung von dem hatte, was sich einen Feierabend nannte, auf den man sich freuen konnte, klopfte es und ein Mann trat in sein Büro und sagte:

- Es ist ein furchtbares Unglück geschehen. Es betrifft ihre Frau und ihre Tochter, und Klaus Müller wusste in diesem Moment alles, was er sehen würde. Er hatte es seit Jahren geahnt, dass etwas geschehen würde, er hatte Träume gehabt, in denen alles zerbrach und zerfiel und da fing es an, dass er die Grenzen seines Körpers nicht mehr wahrnahm und es zog ihm die Wangenmuskeln nach oben als müsste er lächeln und er wunderte sich noch über dieses Ansinnen seines Körpers.

Er hörte sich fragen, Was ist geschehen und seine Stimme wurde ihm sichtbar wie ein kleiner Nager. Er hatte das Gefühl, dass seine Turnschuhe, die er in Reminiszenz an die Zeiten, in denen er als alternativ galt, noch immer zum Anzug trug, an seinen Füßen vor Hitze schmolzen. Die Poren mit Nadeln gefüllt, Morast im Gehirn.

- Hatte ihre Frau oder Tochter vor, sich umzubringen, oder dass sie sich gemeinsam umbringen wollten?, fragte der Mann, der sich als Polizist vorgestellt hatte, und dessen haarlosen Kopf Klaus jetzt übergroß sah.

- Ich glaube ja, hörte sich Klaus sagen und auch seine Hemdknöpfe wurden ihm immer größer und größer und er roch sich selbst und fragte sich, ob dieser Geruch Ich sein sollte.

Sie fuhren ihn im Auto zu seinem Haus und Klaus sah unterwegs die Zeichen der Zeit, Einkaufshäuser mit den immergleichen Versprechungen von Neu und Jetzt Neu und Noch besser, er sah zugleich die Risse in deren Mauern, die diese Häuser eines Tages zusammenfallen lassen würden. Menschen, denen das Glück abhanden gekommen war, keine Kinder sah er, Fleischsäcke. Die Landschaft hatte noch das Bild der Lieblichkeit, das sie schon immer vorgab, doch Klaus sah sie als eine Theaterpappkulisse und er meinte zu hören, dass es überall knirschte. Er fragte sich, ob es je einen gegeben hatte, dem er getraut habe.

Sie hatten die Leichen schon von ihren Orten geräumt, unter plastene Planen gelegt, die Entourage der Spurensicherer schwatzte umher wie in einem der üblichen Freitagskrimis. Klaus sah den roten Opfersaft auf den Zementplatten vor dem Carport und er sah, dass dort mehr als nur Blut lag.

Irgendwie schwebte man Klaus in das Zimmer seiner Tochter und er sah als erstes die wundroten Lettern Love Rules an der schwarzgetünchten Wand im Zimmer von Jeannie, die dort standen, seit sie zwölf gewesen war.

- Es sieht so aus, sagte eine Stimme, deren Gesicht Klaus Müller schon vergessen hatte, dass ihre Tochter erst ihre Frau erwürgt hat, bevor sie auf das Dach stieg und sich herunterstürzte.

Klaus Müller spürte eine Wut, die sich als Hilflosigkeit tarnte, er sah Stühle und die afrikanische Messingfigur auf den Köpfen der Umstehenden und seine Arme wurden noch matter. Jetzt hatte er die Schuld, jetzt war es eindeutig, er war der, der übriggeblieben war. Ich war es nicht, konnte er jetzt vergeblich rufen und er hörte es doch Wegen Euch bringe ich mich um.

 Er sah die roten Lettern an der Wand und fragte sich noch, warum Jeannie Rules groß geschrieben hatte und vernahm das Gezwitscher der Anwesenden und die Geschäftigkeit von Mobiltelefonen und sah die Geschichte vor sich und er ahnte, dass dies auch nur ein Traum sein könnte und er würde eigentlich schlafen und er spürte schon die Kissen an seinem Gesicht und den Geruch nach weißem Leinen, wie früher.

War es nicht immer schon so gewesen mit Jeannie? Klaus und Claudia hatten sie, als sie zwei war, an den Rotweinabenden lange bei sich im Wohnzimmer gelassen, sie durfte schlafen gehen wann sie wollte. Trocken werden musste sie nicht. Ihm fiel ein, wie sie, als Jeannie schon in ihrem ersten Lebensjahr durchschlief, sich nachts in die Bar geschlichen hatten; ihm war das Kind zu früh gekommen, aber Claudia hatte Das ist mein Bauch zu ihm gesagt und so war Jeannie geboren worden.

Claudia hatte Geh mir nicht auf die Nerven gesagt, als die Kleine schrie, und er hatte Claudia zu beruhigen versucht und sie hatte ihm gesagt, Jetzt nimm du auch noch deine Pfoten weg und er war laut geworden und sie hatte ihm männliche Machtgelüste vorgeworfen.

Klaus hatte sich Kleinkindern gegenüber immer hilflos gefühlt. Man war Vater, nicht er. Er wusste, dass er es war, wenn er sich daran erinnerte.

Er war schon vor Jeannie Kindern aus dem Weg gegangen. Sie wollten ständig beschäftigt sein, sie wahrten keine Distanz, waren schamlos. Säuglinge machten seine Bewegungen steif, hatte er einmal eines auf dem Arm gehabt. Wenn sie schrieen, war man hilflos. Man konnte ihnen nicht einfach einen Klaps geben und sie waren ruhig wie die Größeren. Die langen - er dachte schamlosen! - Blicke der Säuglinge machten ihn unsicher, als sähen sie ihm genau diese Unsicherheit an. Wenn er doch gewusst hätte, was sie wollten, genau wie seine Frau.

Claudia hatte er vorgeworfen, zuviel zu rauchen in der Gegenwart seiner Tochter, doch sie hatte ihn nur mit einem solch verächtlichen Blick angesehen, dass er sich verzogen hatte und an seiner Dissertation weiterarbeitete, Die Aufrechterhaltung von Gewalt in den Entwicklungsländern und die Liberalität des Westens, ein linkes Thema, das sehr gut ankam in jener Zeit.

Jeannie schwänzte später die Schule und sie machten ihr Angebote, hatten mehr mit ihr unternommen, um dann wieder Ausgehverbot auszusprechen, Fernsehverbot, Zimmerarrest, bis du dein Zimmer ordentlich hast, oder wenn sie nicht ihre Hausaufgaben erledigte, was Jeannie umgangen hatte und da hatte Klaus angefangen, es gehen zu lassen und sich dabei leichter gefühlt. Er hatte den Satz Ich bin nicht der Vater zu seiner eigenen Erleichterung gedacht und ihn nie jemandem gesagt, weil niemand diese Gedanken verstanden hätte, aber nun dachte er ihn wieder und er spürte dieselbe Erleichterung.

Klaus sah noch einmal, wie sie sich vor Jeannie stritten, Claudia ihm immer wieder Du bist der Vater zuschob und er nicht anders konnte, als zu gehen, raus aus dem Haus, im T-Shirt war er Stunden um das Haus gelaufen, das sie nach seiner ersten festen Dozentenstelle gekauft hatten, damit sich das hündische Gefühl wieder zurückzog, die Kälte der Abende legte sich metallplattengleich um seine Haut.

Ich hätte meine Frau damals umbringen sollen, dachte Klaus jetzt verbotenerweise, und blickte sich um, ob etwas von seinem Gedanken an ihm sichtbar geworden wäre und ihm wurde klar, wie sehr er Claudia gehasst hatte. Ihre Multikulti-Intoleranz, ihre Ernährungssinnlosigkeiten, wie sie über ihre Patienten redete in dieser autoritär fürsorgenden Art, ihr Wächsernes beim Sex und dieser Neid auf Jeannie, die Klaus geliebt hatte und das musste Claudia gesehen haben. Ja, er hatte seine Tochter geliebt, er hätte ihr alles verziehen, und das war die schrecklichste Erkenntnis, die er jetzt haben konnte.

Als Jeannie mit zwölf eines Tages verschwunden war und sie erfuhren, dass sie mit einem vielleicht siebzehnjährigen Penner zusammengezogen war, der nach Fusel roch und sie Jeannie vor der Billigdrogerie sitzen sahen in der betonstarren Einkaufsmeile und sie sie aufforderten, mit nach Hause zu kommen, hatte er zum ersten Mal ihre Zeichen gesehen.

Sie hatte die Arme ihres schwarzen Langarmshirts mit der Aufschrift Hell on Earth nach oben geschoben und Klaus Müller hatte die Schnitte auf ihrem linken Oberarm gesehen, kreuzweise einer neben dem anderen. Hervorquellende Tropfen frischen dunklen Blutes, das sich aus schon alten Narben hervorschob, Narben wie Nähte von dunklem Garn. Seine Tochter.

Klaus hatte, während er die Möglichkeiten des Reagierens in sich klicken spürte, gedacht, es sieht aus wie Brot, Broteinschnitte und er dachte an den Duft und die glasige Konsistenz von Mischbrotoberflächen.

- Was hast du dir dabei gedacht, hatte Claudia in einem Anflug von Härte, die schon in der Mitte der Frage wieder endete, zu der am Boden neben einem Schäferhund hockenden Tochter gesagt.

- Ihr interessiert euch doch sowieso nicht für mich. Wenn ich tot bin, dann ist es euch doch recht, hatte eine Zwölfjährige gesagt, ein Mädchen, das weiche Haut hatte wie fallender warmer Regen und Augen, in denen Klaus manchmal versank, wenn er sie heimlich ansah. Diese junge Haut.

Jeannie hatte vor ihnen eine Bierflasche auf der gräulichen Fußgängerzone geöffnet und Klaus sah die Augen der Passanten auf sich gerichtet und er wusste, dass ihn seine ganze Haltung als den Vater verriet.

Versohlen, war Klaus durch den Kopf geschossen, doch er schüttelte diesen nur, um nicht dem Impuls nachzugeben. Er wüsste wie es ablaufen würde: Claudia würde schimpfen, er ein Angebot machen. Lass uns reden. Dann hätte Jeannie irgendein Argument, das ihn stumm machen würde und sie würde gehen. Er hinterher. Claudia würde auf ihn schimpfen. Jeannie weg, er hilflos.

Wie so galt nichts mehr. Wie hatten das seine Eltern gemacht.

Sie gaben ihr Geld und sagten, sie müsse sich selbst finden, sie fänden es gut, dass sie sich ausprobieren würde, das ging von Claudia aus. Ihm war das suspekt, aber was sollte er machen. Wenn er hart bliebe, würde Jeannie noch mehr abrücken.

Er hatte in ihrem Zimmer nachgesehen, ob er etwas finden würde, das ihm einen Hinweis geben könnte, wie er wieder zu ihr finden könnte. Sie hatte düstere Bilder gemalt, Friedhöfe, Monster, Death-Metal-Sprüche. Er hatte es Claudia gesagt und die war mit Jeannie zum Psychiater gegangen, der ihr Tabletten verschrieb, die sie eine Woche später im Müll fanden.

Er las in Notizen, die wahllos auf Jeannies Schreibtisch lagen, Sätze: „Nachdenken über Schmerzrezeptoren, die man im Gehirn findet und Folterer diese optimal reizen können, die größtmögliche Pein…“ und “eine Blume werden, um nichts mehr zu wissen“ , „das absolut Böse löscht sich selber aus“ und „Ich muss die Grenze spüren“, hunderte solcher Sätze, deren Verständnis Klaus ahnte, aber es war ihm eine Geheimsprache und wie sollte er sie übersetzen.

Er hatte mit ihr geredet und es war immer gleich ausgegangen, obwohl er das nicht wollte. Er hatte die Vorzüge gepriesen, Jeannie habe alle Freiheiten, sie hätten ein Haus, er würde ihr jeden Wunsch erfüllen.

- Du solltest strenger mit mir sein, hatte Jeannie gesagt und Klaus hatte das nicht recht verstanden.

- Ich will dich doch lieben, hatte Klaus gesagt und hatte etwas Jaulendes in sich gespürt.

- Ja, aber du kannst es nicht, hatte Jeannie geantwortet und das war der Satz, der ihn wie vom Krieg geschüttelt zurückließ.

- Und deshalb ist es sinnlos, hatte Jeannie noch gesagt und Klaus war einfach gegangen. Ich geh dann jetzt mal, hatte er gesagt. Wir können jederzeit reden, und schon hatte Klaus gefühlt, wie falsch diese Sätze waren, wie falsch das alles war, aber er wusste es nicht anders.

Noch vor einer Woche hatte er einem Streit beigewohnt, Jeannie war nachhause gekommen, er hatte das Gemisch aus Zigarette und Alkohol gerochen und sie hatte Geld verlangt und Claudia hatte ihr Vorhaltungen gemacht und das Taugenichts geschrieen und ihr schließlich doch das Geld gegeben und Jeannie war sofort wieder abgezogen und sie hatte ihm noch einen Blick zugesandt, der Klaus in den Käfig zurücksandte, in einen kleinstädtischen Tierpark im Sauerland, wo man ihn angaffen würde und er keinen Ausbruchsversuch mehr wagen würde. Einen hilflosen Aufschrei gegen Claudia unternahm er noch, der darin endete, dass er die halbe Nacht um das Haus lief, um seinen Ärger loszuwerden. Das war der Abend, an dem er Jeannie zum letzten Mal gesehen hatte.

Als sie die Leichen in ihren bräunlichen Sackumhängen wegbrachten, hörte Dr. Klaus Müller, dass in einem Urlauberort Bomben explodiert seien, zum Glück am anderen Ende der Erde und keine Deutschen dabei.