Holger Richter

Die Operative Psychologie des Ministeriums für Staatssicherheit”

Mabuse-Verlag Frankfurt

357 S., 32 €

ISBN: 3-933050-72-3

 

Die Operative Psychologie des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR                                                                                                                                                                                  Zurück zu: Literatur

Dass das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR psychologische Erkenntnisse nutzte, erscheint heute als erwiesen, aber dass es dazu einen eigenen Lehrstuhl an der Geheimdienst-Hochschule hatte, wissen die wenigsten.

Mit einer Arbeit wie “Die Gewinnung Inoffizieller Mitarbeiter und ihre psychologischen Bedingungen” konnte man an dieser Stasi-Hochschule seinen Doktortitel machen und ihn bis heute auch behalten. Um das Vorgehen zu perfektionieren, entstand 1965 an der Stasi-Hochschule in Potsdam-Eiche ein Lehrstuhl für sogenannte "Operative Psychologie". Ca. 10 000 Offiziere haben dort Kurse in Psychologie gehört.

Was dort bis zur Abwicklung 1990 geforscht und gelehrt wurde, untersuchte jetzt der Dresdner Psychologe Holger Richter. Richter hat die qualvolle Aufgabe bewältigt, sich durch rund 40.000 Seiten MfS-Akten und Stasi-Hochschulschriften hindurch zu lesen und diese schier unerträgliche Sprache zu verdauen. Ein riesiger Fundus an Stasi-interner Literatur wird so für weitere Forschung zugänglich.

Vorweg: Diese Thematik ist schwer verdaulich – zeigt sie doch zum einen auf, wie sich Wissenschaft missbrauchen läßt. Zum anderen zeigt dieses Werk noch einmal die bürokratischen Wortungetüme der Staatssicherheit, die in ihrer verklausulierten Sprache Methoden gegen Andersdenkende anzeigen, wie etwa die Rede von der “Zersetzung von feindlich-negativen Personen”. Besonders wertvoll stellt sich so für die Lektüre ein Kapitel zur Sprache des MfS und deren besonderer psychologische Funktion dar.

Der Autor beschreibt die Entstehung des Lehrstuhls für “Operative Psychologie” und kennzeichnet die Lebensläufe der handelnden Personen. So entwickelte sich der Lehrstuhl zuerst aus Mitarbeitern, die überhaupt nicht Psychologie studiert hatten, aber später an dieser Hochschule sogar Professor für Psychologie wurden. Die Ziele, Inhalte und Methoden werden mit einer Fülle von Zitaten dargestellt und geben einen deutlichen Einblick in das instrumentelle Verständnis von Psychologie innerhalb der Staatssicherheit.

Der Wert dieser Stasi-eigenen Forschung, so stellt es Richter heraus, bleibt fraglich. Das Problem der Wissenschaftlichkeit der Operativen Psychologie behandelt der Autor auf verschiedenen Ebenen. Zum einen wird der Vergleich mit der sogenannten “akademischen Psychologie” angestellt.

Das Ergebnis ist das erwartete: Die Stasi-Arbeiten sind durchweg dogmatischer, politisieren wissenschaftliche Begriffe und verwenden deutlich weniger wissenschaftlich anerkannte Methoden. Die Arbeiten beziehen sich vor allem auf ostdeutsche und sowjetische Theoretiker, vereinfachen diese jedoch sehr stark und strotzen vor ideologischen Phrasen.

Der Autor weist zum anderen nach, dass die am Lehrstuhl durchgeführten Arbeiten – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nahezu keinen Einfluss auf die konkrete Gestaltung der Stasi-Methoden hatten, sondern als nachträgliche scheinwissenschaftliche Legitimation ohnehin ausgeübter geheimdienstlicher Alltagspraxis dienten.

Inhaltlich geht es besonders um die “Zersetzung” von Feinden. Vor allem Erkenntnisse der Sozialpsychologie fanden Verwendung, um Menschen seelisch zu zerbrechen. Zur Verwendung und Missbrauch von psychotherapeutischem Wissen kam insbesondere bei Verhören, in denen auch Techniken aus der Gesprächspsychotherapie verwendet wurden.

Richter kennzeichnet den Versuch der politischen Instrumentalisierung alltäglicher Wissenschaft unter totalitärer Herrschaft; die zitierten Texte zeigen erschreckend klar jene totalitären Macht- und Rechtsauffassung, die unduldsam gegensätzliche Lebensentwürfe pathologisierte.

Dem Autor gelingt es an vielen Stellen dieses sehr detaillierten Werkes, die journalistischen Übertreibungen der Rolle der Psychologie für das MfS zu entkräften. Sie trägt insofern zu einer Versachlichung der Diskussion über Funktion, Wirkung und Stellenwert bei, als sie sich sowohl gegenüber Bagatellisierungen als auch spektakulären Überhöhungen abgrenzt.

Zum Schluss des Buches lässt Richter einen der “operativen Psychologen” zu Wort kommen:

 

“Das wäre auch passiert, wenn wir keine Psychologie gemacht hätten. Wenn Sie jemand ärgern wollen, dann wissen Sie, wie Sie das machen ... So erklär‘ ich mir vieles, was so passiert ist, also wie kann ich jemand ärgern. Dabei ist die Kreativität von uns Menschen unwahrscheinlich groß.”

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